Pflegende Angehörige im Gesetz über die Leistungen für Personen mit Behinderung im Kanton Bern
Im folgenden Interview spricht Carela mit Tiffany Lehmann, die das Pilotprojekt in Bern sowohl beruflich als auch persönlich begleitet hat.
Carela: Tiffany, du warst Mitarbeitende des Projekts «Berner Modell». Worum geht es dabei genau?
Tiffany: Das «BernerModell» war das Pilotprojekt, das zu einem grundlegenden Systemwechsel geführt hat. Vor dem Systemwechsel erfolgte die Zahlung von Leistungen direkt an die Institutionen. Mit dem heutigen Gesetz haben Menschen mit Behinderungen eine individuelle Kostengutsprache und können ihre Unterstützungsleistungen selbstbestimmt einkaufen.
Was ändert sich dadurch konkret für Betroffene?
Sie erhalten Wahlfreiheit und Selbstbestimmung. Menschen können im Rahmen des Möglichen selbst wählen, wie sie leben wollen – ob sie Unterstützung von einer Institution, von privaten Dienstleistern oder von Angehörigen beziehen. Dieses System stärkt die Selbstbestimmung und macht den Alltag flexibler unter Berücksichtigung der persönlichen Bedürfnisse.
Du hattest auch eine persönliche Verbindung zum Projekt. Kannst du dazu mehr erzählen?
Tatsächlich war das Projekt für mich eine Herzensangelegenheit. Mein Vater ist an Multipler Sklerose erkrankt und sitzt im Rollstuhl. Er war einer der rund 700 Menschen, die am Pilotprojekt teilnehmen durften. Für mich war das Projekt dadurch auch emotional geprägt, aber es erlaubte mir den Blick auf den Systemwechsel aus zwei Perspektiven.
Was hat der Systemwechsel für die Situation deines Vaters bedeutet?
Mein Vater durfte seinen Unterstützungsbedarf durch eine unabhängige Abklärungsstelle des Kantons Bern abklären und konnte sich dann im Rahmen seines persönlichen Kostendachs Unterstützungsleistungen für zu Hause einkaufen. Er konnte entscheiden, wen er im Alltag wofür anstellt.
Ein wichtiger Punkt war die Rolle der Angehörigen. Warum sind sie so zentral?
Meine Mutter unterstützte ihn zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren - zwar von Herzen gerne - aber halt auch gratis. Das Pilotprojekt erlaubte es meinem Vater, dass er meine Mutter als Assistenzperson anstellen und sie so für ihre Aufwände im Rahmen der Pilot-Vorgaben bezahlen konnte. Ich kenne viele Familien, in denen ein Elternteil beispielsweise für die behinderungsbedingte Betreuung des eigenen Kindes den Beruf aufgibt. Eine Entschädigung für diese Leistungen gibt es dann aber nicht und den Wegfall eines Einkommens kann sich nicht jede Familie leisten, dann bleibt schlicht und einfach die Unterbringung in einer Institution.
Hatte das Berner Modell auch Auswirkungen darauf, wo und wie Personen gepflegt werden?
Ja, definitiv. Es ermöglichte jeder am Piloten teilnehmenden Person mit der neuen Kostengutsprache das persönliche Setting nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten. Es brachte aber auch mehr Verantwortung für die pflegebedürftige Person mit sich. Da wurden aber bei Bedarf Beistände und/oder Beratungsstellen beigezogen.
Kann man das Berner Modell als ein Argument für die Entlöhnung und Unterstützung pflegender Angehöriger beschreiben?
Ganz klar ja. Das Pilotprojekt hat deutlich gezeigt, dass Pflege durch Angehörige ein prominenter Wunsch von vielen unterstützungsbedürftigen Menschen ist. Auch hat es gezeigt, dass es sich lohnt, Pflegearbeit im familiären Umfeld zu unterstützen. Sie ist ein zentraler Teil unseres Versorgungssystems und verdient Anerkennung, auch finanziell. Das Berner Modell liefert dafür ein starkes und erprobtes Argument.
Zusammenfassung
Das Berner Modell zeigt: Wenn Menschen mit Pflegebedarf Wahlfreiheit erhalten, sind pflegende Angehörige eine wichtige und gut funktionierende Unterstützungsmöglichkeit. Wenn Angehörige für ihre Pflegearbeit, die sie häufig bereits leisten, fair entlohnt sowie fachlich und emotional durch diplomierte Pflegefachpersonen unterstützt werden, entsteht ein System, das nicht nur menschlicher und nachhaltiger ist, sondern auch die Qualität der Pflege stärkt und sichert.
Für viele Familien bedeutet das vor allem eines: die Möglichkeit, weiterhin gemeinsam zu Hause zu leben. Und genau deshalb ist die offizielle Anerkennung und Bezahlung pflegender Angehöriger nicht nur sinnvoll, sondern ein entscheidender Schritt für die Zukunft eines entlasteten Gesundheitssystems.
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