Pflege bei Multimorbidität: ein Leitfaden für pflegende Angehörige

Ein einziger Befund ist oft nur der Anfang. Wenn zum Bluthochdruck der Diabetes kommt, die Gelenke schmerzen und das Gedächtnis langsam nachlässt, stehen Betroffene vor einer grossen Herausforderung: der Multimorbidität. Der Medikamenteplan wird immer unübersichtlicher, die Arzttermine häufen sich, und jede neue Diagnose scheint das ohnehin instabile Gleichgewicht weiter zu erschüttern. In diesem Blogbeitrag beleuchten wir das Thema Multimorbidität, und unsere dipl. Pflegefachfrau Nicole Christen gibt pflegenden Angehörigen konkrete Hilfsmittel an die Hand.

Was bedeutet Multimorbidität eigentlich?

Der Begriff «Multimorbidität» (Mehrfacherkrankung) bezeichnet das gleichzeitige Bestehen von zwei oder mehr medizinischen Diagnosen bei einer Person. Im Gegensatz zu spezifischen Altersbeschwerden – wie etwa einer leichten Sehschwäche oder dem langsameren Gehen – handelt es sich hierbei um behandlungsbedürftige Zustände, die sich gegenseitig beeinflussen können.

Typische Kombinationen und ihre Tücken

Oft treten Krankheitsbilder nicht isoliert auf, sondern begegnen sich im alternden Körper. Häufige Kombinationen sind:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes: Diese Kombination erfordert eine präzise Abstimmung von Ernährung, Bewegung und Medikation.
  • Arthrose und Mobilitätseinschränkungen: Wenn die Bewegung schmerzt, sinkt die Aktivität, was wiederum das Herz-Kreislauf-System schwächt und das Sturzrisiko erhöht.
  • Demenz und körperliche Gebrechen: Dies ist wohl die anspruchsvollste Konstellation. Wenn die betroffene Person Schmerzen oder Unwohlsein nicht mehr klar kommunizieren kann, wird die Pflege für Angehörige zur detektivischen Arbeit.

Die grössten Herausforderungen im Pflegealltag

Die Pflege eines Menschen mit Mehrfacherkrankungen ist mehr als nur körperliche Arbeit; es ist auch psychische und physische Koordinationsarbeit. Angefangen mit dem Medikamenten-Management über die Koordination der Fachpersonen bis hin zur psychischen Belastung für sowohl Pflegebedürftige wie auch Pflegende. Nicole hat hier folgende praxiserprobte Ansätze:

  1. «Klient*innen mit Mehrfacherkrankungen müssen häufig viele verschiedene Medikamente einnehmen. Deshalb kann es sinnvoll sein, die Medikamente von der Apotheke richten zu lassen. Zudem ist es empfehlenswert, die Medikamentenliste regelmässig mit Hausärzt*innen sowie den beteiligten Fachpersonen zu besprechen. Leider kommt es oft vor, dass Ärzt*innen nicht wissen, welche Medikamente bereits von anderen Ärzt*innen verschrieben wurden. Ein «Wochendosett» (Medikamentenbox mit angeschriebenen Wochentagen) kann ebenfalls sehr hilfreich sein. Dieses kann einmal pro Woche befüllt werden, wodurch das Medikamentenmanagement vereinfacht wird und im stressigen Alltag nicht in Vergessenheit gerät.
  2. Um Chaos zu vermeiden, ist es sinnvoll, einen Ordner anzulegen. Besonders bei Personen mit Mehrfacherkrankungen hilft es, alle Dokumente an einem Ort aufzubewahren. So behält man den Überblick über Diagnosen, Berichte und durchgeführte Abklärungen.
  3. Netzwerke nutzen: In der Schweiz gibt es verschiedene Entlastungs- und Unterstützungsangebote. Von Patientenorganisationen bis hin zu spezialisierten Spitexorganisationen wie Carela, die Ihnen Sicherheit und Struktur bieten können.»
visuelle Checkliste für pflegende Angehörige

Warum professionelle Unterstützung kein Versagen ist

In weiten Teilen der Schweizer Gesellschaft hält sich hartnäckig die Auffassung, die Pflege von Angehörigen sei eine moralische Selbstverständlichkeit, die sich ohne nennenswerten Aufwand und völlig kostenneutral realisieren liesse. «Multimorbidität ist ein Zustand, der das Leben zu Hause komplexer gestaltet und erschwert. Dies ist sowohl für Pflegende als auch Gepflegte alles andere als ‘einfach’ und ‘gratis’», beteuert Nicole. Frühzeitige Unterstützung und Vernetzung beugen Überbelastung vor und sorgen für eine längerfristige, sichere Pflegesituation für alle Beteiligten zu Hause. Weiter meint Nicole dazu: «Professionelle Unterstützung durch auf Angehörigenpflege spezialisierte Organisationen wie Carela ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Verantwortung – sich selbst und der pflegebedürftigen Person gegenüber.»

Die Vorteile externer Hilfe beinhalten Fachwissen und Erfahrung von Fachpersonen, das Erkennen von Warnsignalen, Objektivität durch professionelle Distanz, Hilfe bei emotionalen Entscheidungen und eine Entlastung für den finanziellen Haushalt.

Drei Tipps von Nicole für pflegende Angehörige von Personen, die an Multimorbidität leiden

  • «Struktur ist alles. Ich empfehle immer eine «Notfall-Mappe» griffbereit zu haben. Darin sollten der aktuelle Medikamentenplan, die letzten Arztberichte und die Kontaktadressen aller Beteiligten sein. Das gibt Sicherheit – auch wenn einmal der Notarzt kommen muss.
  • Wenn die psychische Belastung zu gross wird, sprich es aus! Es ist kein Versagen, wenn man sagt: «Ich kann heute nicht mehr.» Multimorbidität bedeutet oft eine 24-Stunden-Präsenz im Kopf.
  • Hilfs- und Entlastungsangebote annehmen, jeder braucht einmal eine Pause. Weiter bestehet vielleicht auch die Möglichkeit, eine weitere Person aus dem Umfeld in die Krankheitsgeschichte der pflegebedürftigen Person einzuführen. So besteht auch die Möglichkeit, sich teilweise ein wenig aus der Situation zu nehmen.»

Fazit: Pflege bei Multimorbidität ist anspruchsvoll, aber machbar

Die Pflege einer Person mit Multimorbidität im Alter ist eine Aufgabe, die über die familiäre Fürsorgepflicht hinausgeht. Es ist völlig normal und sogar verantwortungsbewusst, sich hierbei professionelle Unterstützung zu suchen. Da Multimorbidität verschiedene Krankheitsbilder beinhaltet, gibt es bei Fragen und Unsicherheiten viele verschiedene Anlaufstellen.

Wo finde ich Beratung?

Die Schweizerische Patientenorganisation SPO setzt sich für Patient*innen und ihre Angehörigen ein, um Orientierung im komplexen Gesundheitssystem zu bieten und die Einhaltung von Patientenrechten bei vielschichtigen Behandlungsverläufen sicherzustellen. Eine telefonische Erstberatung ist kostenlos.

Wo finde ich Unterstützung?

Carela ist eine Spitexorganisation, die pflegende Angehörige finanziell, fachlich und emotional unterstützt. Wünschen Sie eine unverbindliche Beratung zu Ihrer individuellen Pflegesituation?

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